Die Kosten der Komplexität: Warum wir im Tourismus aufhören müssen, das Rad neu zu erfinden

Adi Hadzimuratovic
9. Juli 2026
ca. 12 Min.
Digitalisierung
Künstliche Intelligenz

Digitalisierung im Tourismus wird oft als eine Reise beschrieben. Doch wenn man einen Blick auf die letzten Jahre wirft, gewinnt man den Eindruck, dass wir uns oft im Kreis drehen. Von der Buchbarkeit über Open Data bis hin zur Künstlichen Intelligenz: Die Themen ändern sich, doch ein Muster bleibt oft konstant – die Tendenz zur Verkomplizierung. 

Wer in der Tourismusbranche arbeitet, kennt die Dynamik: Es gibt eine strategische Vision, es gibt ein hochkomplexes Konzept und am Ende gibt es eine technische Umsetzung, die oft nur einen Bruchteil der ursprünglichen Versprechen hält – oder durch eine enorme Menge an teuren Schnittstellen mühsam zusammengehalten werden muss.

Ein Muster der „Insellösungen“

Wenn wir die Entwicklung der letzten Jahre analysieren, sehen wir eine Reihe von Meilensteinen – um nur einige wichtige Entwicklungen zu nennen:

• Zuerst ging es um die Buchbarkeit von Unterkünften. 
• Dann folgte die Strukturierung von Daten in landesspezifischen Datenhubs.
• Es folgte die Öffnung der Daten via Open Data und der Aufbau von Knowledge Graphs.
• Parallel dazu wurde die Nachhaltigkeit zu einem zentralen Bestandteil unserer digitalen Strategien.
• Heute steht die Künstliche Intelligenz (KI) im Zentrum.

Technisch gesehen ist jedes dieser Themen lösbar. Das Problem liegt jedoch selten an der Technologie selbst, sondern an der Art und Weise, wie diese Projekte oft initiiert und geplant werden. In der klassischen Projektdynamik werden Strategien und Anforderungen definiert, während die technologische Realisierung erst in einem späteren Schritt erfolgt. Wenn der Dialog zwischen den strategischen Planern und den technischen Umsetzern zu kurz kommt, entstehen Anforderungen, die theoretisch fundiert, aber in der praktischen Umsetzung oft zu komplex oder starr sind.

Die Komplexitätsfalle und ihre Kosten

Was passiert, wenn Konzepte ohne engmaschigen technologischen Austausch entstehen? Es entstehen Insellösungen. Anstatt auf skalierbare Standards zu setzen, wird für viele Organisationen – ob auf Ebene der Landesmarketingorganisationen (LMOs), der regionalen Destinationen (DMOs) oder anderer touristischen Organisationen – eine individuelle Lösung ausgeschrieben. Das führt zu einer paradoxen Situation: Wir bauen hunderte kleine, isolierte Welten, nur um danach immense Summen an Steuergeldern auszugeben, um diese Welten wieder durch komplizierte Schnittstellen miteinander zu verknüpfen. Diese Komplexität ist meist nicht gewollt, aber sie ist das Ergebnis eines Prozesses, bei dem die technische Machbarkeit und die Notwendigkeit von Standards zu spät in die Planung einfließen. Für die Destinationen bedeutet das: Höhere Kosten, längere Projektdauern und eine Infrastruktur, die eher bremst als beschleunigt.

Der Weg aus der Sackgasse: Gemeinsames Denken statt Einzelkämpfertum

Wir als Technologen haben erkannt: Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir Lösungen für den Markt denken. Wir müssen weg vom isolierten Projektgeschäft hin zu einer gemeinsamen Infrastruktur.

1. Tourism Technical Alliance (TTA)

Warum konkurrieren Technologieunternehmen in jedem Detail, wenn wir die Basisinfrastruktur gemeinsam lösen könnten? Mit der TTA haben wir einen Raum geschaffen, in dem Technologen konkurrenzübergreifend an gemeinsamen Lösungen arbeiten. Das löst Probleme, die durch isolierte Denkweisen erst geschaffen wurden.

2. one.intelligence

Die Initiative one.intelligence ist unsere Antwort auf die Fragmentierung. Hier geht es nicht darum, ein weiteres Tool zu bauen, sondern eine Chance zu nutzen, wirklich gemeinsam zu denken. Wenn wir uns auf gemeinsame Standards einigen, beenden wir das Zeitalter der teuren Insellösungen.

3. Der Bundesland KI-Summit

Ein aktuelles Beispiel ist der erste Bundesland KI-Summit. Hier haben wir ein starkes Zeichen gesetzt: Warum sollten 16 Bundesländer und hunderte darunterliegende Organisationen individuelle KI-Strategien entwickeln, die sich in weiten Teilen überschneiden?

Und das ist erst der Anfang: Es wird bald Folgeveranstaltungen geben, in denen die Bundesländer aktiv an gemeinsamen Lösungen bauen – dieses Mal initiiert von einem sehr aktiven Bundesland selbst. 

Ja, als Geschäftsführer bedeutet ein gemeinsamer Weg für mich persönlich potenziell weniger Einzelumsätze. Aber es ist der einzig richtige Weg für die Branche. Effizienz und ein gemeinsamer Standard schlagen hier den maximalen Einzelumsatz.

Fazit: Von der Strategie zum Impact

Beratung und Technologie sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide sind essenziell, um den Tourismus in die Zukunft zu führen. Doch wir brauchen eine neue Form der Partnerschaft. Wir wünschen uns einen offeneren, frühzeitigen Dialog zwischen Technologie und Beratung, um gemeinsam Lösungen für die gesamte Branche zu erarbeiten. Wenn strategische Beratung den Change begleitet und die Vision vorgibt, die technologische Realität aber als Leitplanke für diese Strategie akzeptiert wird, schaffen wir echten digitalen Impact.

Lassen Sie uns aufhören, Komplexität zu verkaufen. Fangen wir an, gemeinsam Einfachheit zu bauen.

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Adi Hadzimuratovic
CEO destination.one GmbH
Adi Hadzimuratovic ist Geschäftsführer der destination.one GmbH. Seit mittlerweile 10 Jahren leitet er das Unternehmen, das sich als führende Tech-Agentur darauf spezialisiert hat, touristische Destinationen digital sichtbar, reichweitenstark und relevant zu machen. Der studierte internationale Betriebswirt (Munich Business School / Chinese University of Hong Kong) bringt langjährige Erfahrung aus dem E-Commerce und führenden Positionen im Travel-Tech mit. Unter seiner Führung entwickelt destination.one zukunftsweisende, KI-gestützte All-in-One-Softwarelösungen und Open-Data-Infrastrukturen, um die digitale Customer Journey in der DACH-Region aktiv zu gestalten.